Da gibt es einen Landstrich im Westen Frankreichs, Bretagne genannt, der - eh schon wissen - so spitz hinausragt, dem Inseln vorgelagert sind. So auch Belle Île en Mer. Was geben einem die Franzosen mit an guten Tipps, erwähnt man, dass man sich dorthin begeben wird: vergiss Regenschirm, Gummistiefel, Regenmantel nicht. Das kann ja heiter werden. War es auch! Denn was die Leute reden, die möglicherweise nie die Seeluft dort echt geschnuppert haben, ist eins, das Wetter Anfang Mai 2012 auf Belle Île etwas anderes.
Ausgehungert nach Meer, Erholung, Natur habe ich den Rucksack geschnappt „heading west“. Per Zug, Bus, Fährschiff lässt es sich viel unkomplizierter als die Aufzählung klingt von Paris auf die Insel fahren. Vorbei an leuchtend gelben Rapsfeldern und hellgrünen Weizenfeldern. Und dann steht man plötzlich in Quiberon in der Sonne am Meer. Das Schiff schippert die Passagiere von hier nach Le Palais, einem einst strategisch wichtigen Punkt, den deshalb auch eine Vauban-Zitadelle ziert. Denn die Insel war über Jahrhunderte heiß umstritten, war Anlaufpunkt für diverse kriegerisch oder räuberisch motivierte Besuche in dieser Gegend der Welt, wurde immer wieder geplündert und die Siedlungen zerstört. Die freundlichere Variante der kurzzeitigen Besetzung wählte ich als Touristin. Diesem Status gerecht werdend, lenkte ich meine Schritte auch gleich Richtung Touristeninformation. Die Damen dort hielten mich dankenswerterweise von einer sofortigen Fahrradanmiete ab und legten mir die Linienbusse ans Herz, die mich nach Locmaria transportieren würden, ohne Steigungen und Gefälle von beachtlichem Ausmaß mit Gepäck auf dem Rücken selber herunterzustrampeln. Denn selbst 15km können da sehr lange erscheinen. In Locmaria angekommen, verließ ich die Ortschaft auch schon wieder. Mein Quartier war nämlich in Port Coter (in dem Fall und für die Bretonen ist das „r“ auszusprechen). Als dann nur noch Weideland zu sehen war, hielt ich mal bei einem stämmigen Ross an und fragte mich, ob „Les Grandes Bruyères“ in Wirklichkeit ein Quartier im Heidekraut ist? Aber noch ein paar Kurven entlang des Weges stand ich schließlich vor dem Haus von Alain und Marie. Zwa Zuagroaste, vor 14 Jahren hat es die beiden hier her verschlagen.
Nach so viel Sitzen braucht Frau Mayer Bewegung. So zog ich die Wanderschuhe an und brach umgehend zum Küstenwanderweg auf, der ein paar hundert Meter vom Haus entfernt verlief. So stapfte ich wieder Richtung Locmaria, wo ich mir Galette und Crêpe gönnte. Man muss sich ja schließlich bodenständig ernähren. Die Wanderschuhe zog ich auch an den folgenden zwei Tagen an. Zuerst auf den Spuren von Claude Monet und anderen Impressionisten, die die Felsformationen rund um Port Coton in diversen Gemälden festgehalten haben. Der Weg dorthin führte durch sanftwellige Landschaft, Dünen, Buchten, klippig, felsige Abschnitte. Sandstrand und Felsen wechselten sich immer wieder ab. Einfach schön! In Port Coton zweigte ich vom Weg in Richtung Inselinneres ab und stieg auf den großen Leuchtturm – le Phare de Goulphar. Den kann man besteigen und so die Insel von oben betrachten. Und man kann auch etwas über Leuchttürme, die Lampenkonstruktion, das Leuchtturmwärterdasein und die Naturbesonderheiten von Belle Île lernen.
Über die Insel weit hinaus ist der Greissler in Kervilahouen wegen des hausgemachten Far Breton bekannt (clafoutis-ähnlicher Kuchen mit Dörrzwetschgen). Im dazugehörigen Café war die Verkostung direkt möglich. Ich kaufte auch gleich nebst anderer Lebensmittel ein ordentliches Stück für „zu Hause“. Den Busfahrer becircte ich erfolgreich, damit er mich bei der Abzweigung nach Port Coter schon aussteigen lässt, um mir den Weg auf der Landstraße zu ersparen.
Am nächsten Tag setzte ich die Inselwanderung just in Port Coter Richtung Pointe de Poulains fort. Ich wähnte mich mitunter in norwegischen Fjorden! An dieser Wegstrecke gibt es Vogelschutzgebiete, was bei der Wanderung auch durchaus ins Auge und Ohr fällt. Ein Kormoran hier, der sich gerade auf dem Fels sitzend die Federn trocknet, nachdem er vorher auf Tauchstation gewesen war, Möwen zeigen ihre Flugmanöver usw usf.
Am Pointe de Poulains befindet sich nicht nur ein kleiner Leuchtturm, sondern auch die ehemalige Villa von Sarah Bernhardt, die dort mit ihrer Familie, Freunden aus Künstlerkreisen und sonstiger Gefolgschaft die Sommer zu verbringen pflegte. Ein Museum gewährt Einblick in das Leben der Schauspielerin, und die Sommer der Villa „des Cinq Parties du Monde“.
Am nächsten Tag erwachte ich bei Regen, der sich im Laufe des Vormittags verflüchtigte. So habe ich mich auf den Weg zur Radvermietung gemacht und per cycloped die Insel erkundet.
Und besuchte ganz frühe Vorfahren, vielmehr ihre Menhire, die sie uns gelassen haben. Jean und Jeanne nennen sie liebevoll zwei davon. Ich radelte dann nochmals nach Point de Poulains, ging nochmal auf Far Breton Jagd in besagtem Alimentaire und stockte nochmal die Vorräte auf. Auf dem Rückweg hielt ich in Bangor an, einem der größeren Orte im Inselinneren. Kirchenbesuch, Nochmal shopping – die schwarzen Paradeiser sahen zu verlockend aus und auf der Insel erzeugter Schafkäse will auch verkostet werden. Ein Kaffee in der Bar auf dem Platz, und hopp, weiter ging die Radtour Richtung Grandes Bruyeres. So eine Radtour macht, dass man schläft wie ein Murmeltier. Wäre da nicht der Mond, der auf die Nasenspitze scheint und um halb 3 für eine Schlafunterbrechung sorgt.
Am nächsten Tag ging es diesmal per Fahrrad nach Le Palais. Zu meiner Verwunderung wird der gesamte Verkehr durch die ehemalige Stadtbefestigungsmauer einspurig durchgeschleust. Ich musste das zu Fuß erkunden und fotografieren. Der Gendarm fand das gar zu dreist und hat mich ordentlich gemaßregelt und ist erst weitergefahren, als ich wieder auf legalen Wegen war. Und es war viel Betrieb – Samstag ist Markttag, Besucher kommen am Wochenende auf die Insel usw.
Das Fahrrad durfte am Hauptplatz parken während ich den Ort und vor allem die Zitadelle von Vauban erkundete. Die erfüllt heute zweckentfremdet Funktionen wie Museum, Hotel, Restaurant. Erlaubt geniale Ausblicke auf Le Palais und den Hafen, sowie auf das Festland.
Der Hunger war groß, also kehrte ich ein, ehe ich mich auf der Nordküste entlang, Les Grands Sables. Point des Kerdonis, Port Maria, wieder in Locmaria ankam. Der Fahrradvermieter war enttäuscht, dass ich nicht noch bis zum Abend weiterradeln wollte. Ich hatte aber längst andere Pläne: auf dem Küstenweg entlang zu Les Grandes Bruyères wandern. Und da ließ ich mich viiiel Zeit, setzte mich mal an den Sandstrand, mal auf die Klippen, sah dem Meer, den Vögeln, den Wolken zu. Die Seele baumeln lassen im Sonnenschein tat nochmal gut. Denn tags darauf galt es Abschied zu nehmen. Marie brachte mich mit dem Auto nach Locmaria, sie war ohnehin auf dem Weg zum Gemeindeamt, um an der Präsidentenwahl teilzunehmen. Wie in jedem kleinen Ort ist das ja ein Akt, und da muss man gesehen werden …
Ich trat per Bus, Schiff, Bus, Zug wieder die Rückreise an. Und in Paris verkündete ein Herr in der Métro das Wahlergebnis. Hollande heißt also der neue Präsident. Und das feierten an dem Abend tausende Menschen auf der Place de la Bastille. Das verfolgte ich im Fernsehen und nicht live. Trotzdem hatte ich das Gefühl – es hatte sich etwas verändert und es herrschte eine ganz besondere Stimmung in der Stadt.
Und falls jemand Lust hat, sich das nun auch bildlich näher anzusehen, ist eingeladen auf den Link zu klicken.
Fotoalbum - Belle-Ile-en-Mer
PS: ... La réponse est Tipheret, l'image de Eyn Sof.