Ins Zentrum des Labyrinths führt der Weg. Und das möge in der üblichen Denke möglichst schnell ohne Umwege gehen.
Ist das Labyrith betreten bewegt man sich genau aufs Zentrum zu. Alles ist gut und läuft wie sich's das Menschenmaxi heutzutage denkt. Bis zur ersten Biegung. Hindernislauf ins Zentrum oder der leitliniengleichen Steineinfassung folgen? Das Spiel lautet Labyrinth, und deshalb fällt die Wahl auf Letzteres, dem Pfad folgend, den andere vorgelegt haben. Immerhin bewegt man sich auf einer Bahn etwa in der Labyrinthmitte um das Zentrum. Denkt noch - dann geht es bestimmt gleich bei der nächsten Biegung Richtung Innen. Zwei Kreise weiter führt der Weg an die äußerste Peripherie des Labyrinths. Am weitesten entfernt vom Zentrum geht es also in der längsten Kreisbahn ums Zentrum weiter. Was hilft es ins Zentrum zu schielen und dabei zu stolpern, weil man abgelenkt und unaufmerksam war? In wenigen Minuten und Schritten hat der Labyrinthbegeher schon mehr fürs Leben gelernt als viele Kilometer auf der gerade Asphaltstraße nicht beibringen könnten.
Präsent bleibend für genau den nächsten Schritt, nicht die Route in Frage stellend, wandert der Labyrinthwanderer weiter. Nicht in Gedanken zwei Schritte vorher, nicht drei Schritte nachher, jetzt zählt und braucht volle Aufmerksamkeit. Und allmählich führt der Weg nach etlichen Biegungen doch tatsächlich wieder näher zum Zentrum, und wieder etwas davon weg, und wieder näher hin. Ist es näher zum Ausgang, oder zum Zentrum? Und wie werde ich nach der nächsten Biegung ausgerichtet sein? Gemach, Geduld, der Weg ist das Ziel. Und irgendwann erreicht man auch das Zentrum. Gerne nimmt man auf der Steineinfassung Platz, betrachtet die Wiese in der Mitte, genießt die im Vergleich zu dem Labyrinthweg so unendlich groß wirkende Fläche. Diese zieht einen an, entlässt einen nicht gleich wieder. Der zurückgelegte Weg, der einen nun wieder erwartet, wird in Gedanken nochmal abschnittsweise durchlaufen. War er lange? Wieviel länger als der Radius? Hat man nicht viel mehr erlebt als bei der Diretissima? Ohne Leitlinien könnte man den selben Weg jedenfalls nicht auswendig wieder beschreiten.
Den Blick zum Zentrum gerichtet, den Rücken der Gehrichtung zugewandt geht es wieder hinaus. Diesmal ist eine weitere Wachheit gefragt. Der Rücken bekommt Augen. Die Füße fühlen den Boden, versuchen anhand der Abdrücke der anderen, die vor einem die Strecke zurückgelegt hatten, Weg und Kurven zu erkennen und zu ertasten. Über die Schulter blicken gilt nicht. Und weiter geht man die Kreisbahnen rückwärts, gegen den Widerstand erzeugt durch die Anziehungskraft des Zentrums. Und irgendwann endet die Steinleitlinie am Ausgang. Plötzlich muss man sich wieder anders orientieren und selber den Weg über die Wiese wählen. Freiheit, die im Moment Verunsicherung fühlen lässt, die Steineinfassung vermissend.
Spaziergang am Weihnachtstag mit Uli, Simone und Michael in Emmersdorf.