interessant, welche Begegnungen und Erlebnisse man macht, wenn man sich dem üblichen Alltagstrott entziehen darf oder muss.
Die Leute in den Krankenhäusern etwa.
Die Zimmernachbarin, eine 93 jährige alleinstehende Dame, "blind und taub", wie sie immer wieder betonte. Im Altenheim gestürzt und mit Schulterbruch im Krankenhaus. Manchmal ein wenig renitent, ein wenig vergesslich. Das Nachthemd manchmal ablegend. Das Krankenhauspersonal musste sie überzeugen, dass sie nicht so ganz nackt sein könnte. Für sie war sie aber nicht nackt und widersprach. Sie hatte immerhin eine Art Windelhose an. Am Tag der Entlassung war es nicht einfach sie in ihr eigenes Nachthemd zu bugsieren. Ich musste unwillkürlich lachen und sah im inneren Auge die Schlagzeile vor mir: "93 jährige Flitzerin in Bagnolet gesichtet".
Der eine Krankenhausmitarbeiter, der sie mit ihrer Brille als "Ray Charles look alike" titulierte. Und mich fragte "Sie haben noch keine Bart wie die Conchita Wurst?" Hab mich königlich über seine Sprüche amüsiert. Er hat mir dann auch noch das Krückengehen gezeigt und mir die Verschreibung für Krücken gebracht hat.
Die Krankentransporteure, die mich auf der Tour d'Hôpital transportiert hatten. Die beiden, die mich von Montreuil abgeholt hatten und auf Nachfrage meiner Mittänzer meinen Knöchel in eine Plastikschiene gepackt hatten.
Der junge Mann in der zweiten Ambulanz, der trotz 7 Jahre Deutschunterricht in der Schule sich nicht traute, deutsch zu sprechen. Der meinen Akzent im Französischen charmant österreichisch fand. Der seine Ausbildung im technischen Bereich abgebrochen hatte, und nun als Ambulanzfahrer tätig war. Er hoffte bald auf fixe Dienstzeiten entweder bei Tag oder bei Nacht. Die Wechsel von Tag-und Nachtdienst sind einfach zu strapaziös. Der mich fragte, als mir unwillkürlich die Tränen heruntergelaufen sind, ob der Unfall meine Pläne und Vorhaben sehr durchkreuze.
Der junge Medizinstudent, der seit einem Monat im Hôpital Saint-Antoine mit 5 anderen Dienst machte und mich mit seinem Optimismus begeisterte: Es sei sicher nicht so schlimm, und wer weiss, ob eine Operation notwendig sei. Nun, er war zu optimistisch, aber es tat gut, nach all den Hiobsbotschaften - gefühlt und gehört.
Die Orthopädin im Hôpital Saint-Antoine, die schon seit etwa 16 Stunden im Dienst war, mir den ersten provisorischen Gips verpasst hatte, bestätigt hatte, dass eine Operation unbedingt notwendig sei und ein Operationsplatz in der Clinique Floréal Bagnolet gefunden worden war, bei Dr. Lacoste. "Die ist außerdem eine gute Chirurgin". Das ist Labsal auf die Seele der Verunfallten und nährt die Hoffnung, in guten und kompetenten Händen zu sein.
Der vermutlich Obdachlose, der nur einen Fuß hatte, und in seinem Rausch schlafsprechend auf die Behandlung wartete.
Die Schwestern, Krankenpfleger, Essensausteiler etc. auf der Station. Die Hierarchie in den Spitälern wird an der Hautfarbe der handelnden Personen verdeutlicht. Und die Berufskleidung ist wohl auch etwas unterschiedlich. Ich war zu kurz dort und habe einen zu geringen Erfahrungsschatz, um das alles ganz zu durchschauen, und war wohl auch zu sehr mit mir beschäftigt.
Da wird unter Kolleginen manchmal - welche Sprache? ah - Kreolisch! - gesprochen.
Da wird ein gutes Wort gefunden, wenn ich wieder einmal in einer Traurigkeitsattacke Tränen in den Augen habe: stressen Sie sich nicht so. Es wird alles gut!
Da wird nach beharrlichem Nachfragen das Personal mobilisiert, um eine Ladegerät für mein Telefon aufzutreiben. Mein einziger Verbindungspunkt zur Außenwelt, zu Familie und Freunden und Bekannten! Wie wichtig und wesentlich dieser Apparat ist wird einem da erst klar!
Der Anästhesist, der sich in seiner Berufsehre fast gekränkt fühlt, weil er den Punkt, wo die Beinbetäubung appliziert werden müsste, nicht gut identifizieren konnte. "Wenn das einem Anfänger passiert, aber das ist ja nicht der Fall! Aber es gibt Menschen, wo der Kontrast nicht ausreicht, um den Punkt eindeutig festzustellen". Der selbige, der mir über die Stirn gestrichen und mir während der Operation Mut zugesprochen hat, weil ich an das dachte, was auf mich noch zukommen würde auf dem Weg der Genesung, und mich das eher mutlos gestimmt hat.
Frau Dr. Lacoste. In der Tat - sie wirkt sehr kompetent und scheint auch nett zu sein. Die Fragen von mir gerne beantwortet hat. Die, als ich sie auf dem Operationstisch liegend gefragt habe, ob denn die volle Mobilität wieder zurückkehren wird. Es wär wegen des Fortbewegens generell und wegen des Tanzes! Sie meinte: das sei das Ziel. Hielt aber dann doch ein wenig inne. Wie kann sie es auch 100% wissen, Komplikationen können immer auftreten.
Die Kinder im Aufwachraum, die dort von fremden Menschen umgeben, die im allgemeinen unagenehme Sachen machen, umgeben sind. Die Eltern haben in diesen Krankenhausbereich keinen Zugang.
Lili, die mich vom Unfallort weg begleitet hat, Die von ihren Theaterkursen in den Banlieues berichtet hat, von ihren kleinen Erfolgen mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die aufgrund ihrer Herkunft ein Handicap haben und sie diese schwierige Ausgangssituation oftmals auf die schiefe Bahn bringt, die ihre Talente nicht ausleben können, sie diesen Kunstfummel mitunter ablehnen, und in den 4 Wochen des Einstudierens eines Theaterstücks dann oft eine Welt für sich entdecken, die sie etwa in Begeisterung über einen Text zum Ausdruck bringen! "Mais c'est beau!!!"
Laurence, die mich auf dem Weg vom Krankenhaus nach Hause begleitet hat.
Die Treffs tagüsber im Park Monceau, die mir sonst einfach entgehen: ältere Herrschaften, Kinder, Hundebesitzer etc etc.
All die Nachrichten und Wünsche und Unterstützung von meiner Family und von Freunden. All die Nachrichten und Angebote zur Unterstützung von Leuten, denen ich gar nicht so nahe stehe. All das ist so überwältigend, weil ich es nicht fassen kann, dass ich so viel Zuwendung und Aufmerksamkeit überhaupt verdiene. Wie kann ich das jemals zurückgeben und erwiedern?
Un grand Merci!
Noch 5 Wochen im Gips. Dann die Zeit ohne Gips, wieder gehen lernen... Wird noch zahlreiche Auf- und Abschwünge geben, bis ich wieder fest auf beiden Beiden unterwegs sein kann.
Hier zwei Fotos von Hiroko Komiya, die sie während des Workshops (wo es "am Ende passierte") von mir aufgenommen hat. Hiroko schrieb "...And let’s keep on dancing flower of life. Our life itself is dance, and already is dancing. so lets keep on dancing..."