am 1. Juli wurde wie berichtet der Tag der Entgipsung gefeiert. Und am 3. Juli habe ich dann erstmals in der rue du Printemps die Räumlichkeiten bei Laurent Oger, meinem Physiotherapeuten, betreten.
Nach den Formalitäten - Name, Adresse, Telefonnummer, Verschreibung etc. ging es auf zum Behandlungsraum. Ein Schreibtisch. Ein höhenverstellbares Behandlungsbett.
Er fragte, was das da für ein Verband auf dem Bein sei - auf der Verschreibung sei nichts gestanden von Operation. Die Röntgenbilder hatten wir ja noch nicht begutachtet. Das haben wir beim nächsten Termin nachgeholt. Nachem er die Bilder mit den verschobenen Knochen gesehen hatte meinte er, angesichts der Verletzung, sei ich ja schon ganz passabel unterwegs.
Zurück zur ersten Sitzung. Ferse aufgestützt wird kreisförmig bewegt. Erstes Jaul. Ich habe sonst nicht mehr so genau den Ablauf in Erinnerung. Fuß gegen widerstand anziehen und nach oben außen führen.
Fußrist strecken und gegen Widerstand den Fuß nach links bewegen. Massage der Knöchel und Bänder. Super Jaul. Tief durchatmen....
Der innere Knöchel tut seltsamerweise auch weh. Andererseits - beim Unfall war auch: Zuerst Bruch rechts außen, und dann hat sich die Sache spiralförmig über den innteren Knöchel bis zum Knie hin bemerkbar gemacht. Das waren auch die Stellen, die ich hier gespürt habe.
Hausaufgaben: Knöchel kreisen mit einem möglichst großen Radius, ohne das Bein zu bewegen. Auf die Zehenspitzen heben und wieder absenken. Waden dehnen. Bein mit einem Sack gefrorener Erbsen kühlen.
Eine Krücke kann ich weglassen - das lässt zumindest wieder eine Hand frei!
8. Juli war zweiter Termin. Wir haben ähnliche Sachen gemacht wie beim ersten Termin. Dazu Narbe massieren. Fuß massieren. Das sind die angenehmeren Sachen, fast eine Erleichterung.
Ein wenig zeigen, wie ich gehe: darauf achten - den Fuß bei der Ferse aufsetzen und vollständig bis zur großen Zehe abrollen.
Ferse aufsetzen ist nicht angenehm. Vor allem in der Früh nach dem Aufstehen ist das höchst unangenehm. Beim Gehen mit Schuhen ist es besser, aber barfuß - argh. Ist inzwischen schon etwas besser geworden.
Am Mittwoch hat er eine Übung gemacht - eingeleitet mit seinen Worten "beunruhigen Sie sich nicht, das ist solide und stabil" - bei der ich dachte, dass die Schrauben aus dem Knochen springen. Jaul! Ich hab bei der comi-haften bildlichen Vorstellung herzhaft lachen müssen. Er meinte darauf in seinem trockenen Humor - er würde die Schrauben danach wieder anziehen.
Fortschritte sind merkbar. Dennoch war Donnerstag kein guter Tag. Das Gehen hat nicht gut geklappt, mir war klirre kalt an dem Tag. Regen. Kälte. Und Schmerz.
Freitag war dann noch übler. Ich habe in der Nacht wegen der Schmerzen schlecht geschlafen. Der Weg zum Physiotherapeuten ist mir endlos vorgekommen.
Freitag hat er mich in einen anderen Behandlungsraum geleitet. Der ist größer und ist eine Mischung aus Kraftkammer und strenger Kammer. Beim Betreten ist mir ein "oulà!" entschlüpft.
Es gibt offene Gitterkäfige, Behandlungsbetten, Gewichte, Schnüre etc.
Ich sollte mich auf eines der Betten begeben. Zwei Socken auf einem Fuß anziehen. Dann wurde der Fuß in eine Holzsandale verfrachtet, auf deren Spitze Metallringe fixiert sind. Dann wurde das Bein auf dem Bett festgeschnallt. M. Oger fragt: Na, sind sie im Keller schon mal angebunden worden? Nein. Obwohl es in Österreich berühmte Fälle - Kampusch - gibt. Ich hab mir verkniffen zu sagen, dass ich auch noch nicht auf einem Bett festgeschnallt worden bin.
Dann hat er über eine Seilrolle ein Gewicht auf dem Holzschuh fixiert. 4000 vermutlich Gramm. Zur Übung der Flexion und zum Trainieren der Wadenmuskel abwechselnd 7 Sekunden den Fuß strecken und das Gewicht halten, dann 7 Sekunden Flexion. Das ganze während, vielleicht 10 oder 15 Minuten. Dann wurde ich doch wieder von den Fesseln befreit.
Danach hat er mich "auf den Strich" geschickt. Ich sollte gehen, die beiden Füße auf einer Linie. Ich durfte feststellen: das geht nicht wirklich ohne ständig das Gleichgewicht zu verlieren.
"Na, haben sie gestern getrunken?" war die sarkastisch-aufmunternde Bemerkung des Physio. Ich unterstelle, das er mich das machen hat lassen, um mir in ein paar Tagen den Fortschritt zu zeigen, wenn ich dann auch wieder die Füße entlang einer gedachten Linie gesetzt gehen werde können. Interessant, wie wenig ich über die Funktionsweise des Körpers und der Zusammenhänge im Körper weiss. Man geht ohne sich weitere Gedanken zu machen, welche komplexen Abläufe und Mechanismen dazu notwendig sind.
Er stellte mir die Frage, ob ich wegen des Beins beunruhigt sei. Und meine Antwort war klar - ja. Mangels Vergleich kann ich nicht sagen, ob es normal ist, dass der Fuß nach wie vor stark anschwillt, dauernd weh tut, eine andere Farbe vermutlich wegen der noch vorhandenen Blutergüsse hat, das Gehen an manchen Tagen eher schlechter als besser geht, etc.
Er meinte, dass ich ja in den 5 Sitzungen Fortschritte gemacht habe und eine merkliche Verbesserung feststellen kann. Es gäbe absolut keinen Grund zur Beunruhigung. Es sei alles ohne Problem. Erst durch den Umstand sich zu beunruhigen kann man selber Probleme erzeugen. Also: "Pas d'inquiétude, Miss" hat er mir dann auch noch nachdrücklich wiederholt, ehe er mich ins Wochenende entlassen hat.
Interessante Zeit, die ich durchlaufe. Neue Erfahrungen, Überlegungen.
Und - Butô-Training pur: Gehen lernen, gewohnte Muster und Bewegungen hinterfragen.
Fuß aufsetzen, Gefühl im Fuß haben, Verbindung zum Boden mit dem Fuß haben, Beweglichkeit des Fußes und Knöchels - das ist nun alles wieder neu einzulernen.