der Tag begann früh, zumal ich um 7:30 Operationstermin in der Clinique Floréal hatte, um die Schrauben und Platten aus meinem Knöchel entfernen zu lassen.
Florence Michi war am Donnerstag aus Wien eingeflogen, um mich bei diesem Unterfangen zu begleiten. Wir waren natürlich viel zu früh dann, ehe wir in die 4. Etage vorgelassen wurden. Dort fanden Aufnahme und die Einkleidung ins Operations-Kit bestehend aus Nachthemd, Haube, Schuhen und Höschchen. Todschick ausstaffiert wartete ich auf die Abholung ins Aufwachzimmer, um erst einmal die Teilnarkose im rechten Bein verabreicht zu bekommen. Ich erwähnte gegenüber dem Anästhesisten, den ich schon aus dem Vorjahr kenne, dass der 13. November La Journée Internationale de la Gentillesse sei. Er verbreitete unter der Kollegenschaft die Nachricht.
Während ich dann wartete, dass der Fuß ganz taub wurde, verlangte ein Patient mit fürchterlichem Schluckauf nach Cola. Die Belegschaft machte sich lustig über ihn und meinte, dass er dann auch noch rülpsen werde müssen.
Irgendwann schoben sie mich in den Operationssaal, Bein und Körperposition und Operationstisch wurden eingestellt, das blaue Tuch wurde aufgespannt, sodass ich nichts mehr von den Vorkommnissen sehen konnte. Aber trotz Narkose gibt es ein seltsames Gefühl, wenn aus dem Knochen die Schrauben entfernt werden. Und irgendwann musste ich sogar kurz aua aufmerken. Alles nicht so schlimm. Nach ca. einer halben Stunde wurde ich ins Aufwachzimmer geschoben, mit einem Verband um den Knöchel, aus dem die gelb gefärbte Haut auf Fuß und Unterschenkel herausragte. Schnell noch Puls und Blutdruck gemessen. Dann wurde ich wieder in den 4. Stock transportiert. Dort lag ich noch ein wenig herum. Mir wurde ein Tee und ein bisschen was zu essen gegeben. Michi und ich unterhielten uns und scherzten, bis kurz nach 12h die Entlassung erfolgte. Unter dem Arm etliche Papiere, im Erdgeschoss noch Folgetermine vereinbart für die Kontrolle im Dezember, ein Taxi organisiert, ein Scheck deponiert. Mit Krücken ausgestattet, da im rechten Bein kein Gefühl war, konnte ich ganz gut gehen. Allerdings verlor ich permanent den Schlapfen, den ich mir angezogen hatte, die üblichen Muskelbewegungen, die den Schuh am Fuß zu halten, klappen eben nicht nach einer Narkose...
Am frühen nachmittag waren wir wieder im 17. Dort hielt ich dann eine Siesta, zumal ich die Nacht davor nicht so viel geschlafen hatte.
Michi machte ein richtiges Essen, der Appetit war ja durchaus groß. Da das Bein noch betäubt war, spürte ich auch keine Schmerzen. Wieder Siesta.
Wir sahen uns dann einen schlechten Freitagabendfernsehkrimi an, ehe wir schlafen gingen.
Dann weckte mich Michi mit den Worten auf "da draußen ist die Hölle los". Ich sah sie ungläubig an, verstand überhaupt nicht, wovon sie sprach. Sie wiederholte. Ich schnallte noch immer nicht. Baute das in den Traum ein und fragte mich noch immer, was sie mir da warum erzählte. Die Beharrlichkeit machte mich dann doch etwas wacher, und ich bat Michi nochmal zu wiederholen, was sie das gesagt hatte. Ja und dann war die traurige Wahrheit auch in meinen Kopf gesickert: in Paris waren mehrerer Anschläge in der Nacht durchgeführt worden, und 129 Menschen haben ihr Leben verloren, fast drei Mal so viele wurden verletzt. Manche schweben noch immer in Lebensgefahr.
Freitag abend - Konzert im Bataclan, Freundschaftsspiel im Stade de France, Cafés und Bars - es war ein relativ lauer Novemberabend und die Terrassen waren voll.
In "La Bonne Bière" hatte ich mich erst vor ein paar Tagen mit Matthias getroffen. Gestern war ich wieder dort, sah die Einschusslöcher in den Glasfenstern, und Kerzen und Blumen, die in Gedenken an die Opfer vor dem Lokal angezündet bzw. niedergelegt worden waren.
Wir waren gestern auch auf der Place de La République: "Fluctuat nec Mergitur" - Wappenspruch von Paris, spontan zum Motto der Bürgergegenaktion gemacht. "Même pas peur". Das ist allerdings relativ. Wir waren zu der Métro Jaurès unterwegs, als eine Panik auf Place de la République sich in den Straßen von Paris ausgebreitet hatte. Wir wurden spontan in die Wohnung von jemand am Quai de Jemmapes eingeladen, um abzuwarten, bis sich die Situation wieder beruhigte.
Nachdem die Polizei den Fehlalarm bestätigt hatte, machten wir uns auf den Heimweg. Und waren froh, als wir im 17. angekommen waren.
Ich hätte Florence Michi einen etwas weniger spannungsgeladenen Parisaufenthalt gewünscht. Wenngleich ich sehr froh bin, dass sie mich im Krankenhaus und die Tage danach begleitet hat, und dass ich somit auch während des Ausnahmezustandes nach den Anschlägen in Paris nicht allein war.
Michis Berichterstattung von 13. November