Bienvenue au Cameroun / Welcome to Cameroon
Publié le 1 Mars 2009
Meine spontane Entscheidung mit Monika (ursprünglich auch mit Maggie, leider konnte sie letztlich doch nicht mitkommen) für zweieinhalb Wochen nach Kamerun zu reisen ist Anlass für das Kamerun-Special, meinem ersten Gastbeitrag in Paris-Plages.

Gestartet hat das kleine Abenteuer in Paris CDG, wo ich beim Abflug-Gate herumgestreift bin und mich gefragt habe, ob, falls Monika doch nicht kommen sollte, ich alleine die Reise antreten sollte. Unnötig. Wir haben uns Rücken an Rücken stehend, beide den Blick schweifen lassend, schließlich gefunden und herzlich gelacht.
Wirklich spannend wurde es in Douala. Schon beim Warten auf die Einreiseformalitätsabfertigung und auf das Gepäck stellten wir fest, dass langärmlige Kleidung, Fleecepullover etc. hier nicht notwendig sind. Douala, am Fluß Wouri nahe der Mündung in die Bucht von Bonny zählt zu einer der regenreichsten Städte Kameruns. Die Luftfeuchtigkeit beträgt rund 75 – 80%. Temperaturen irgendwas rund um 27 Grad. Das T-Shirt war bald mit dunklen Schweiß-Flecken übersät.
Die üblichen Spielchen mit Gepäckträger, „Unterstützern“ beim Zoll gegen ein kleines Entgelt (abstruse Summen zwischen 20 und 50 EUR wurden genannt), großes Tohuwabohu beim Ausgang ließen uns gelassen. Und schon ging es ab in die Stadt, deren Charme sich mir bis zuletzt nicht erschlossen hat. Ziel: Foyer du Marin, unser Quartier. Das Taxi bog schließlich in eine finstere Sackgasse ein, unbefestigte Fahrbahn. Ich dachte: na bravo, jetzt werden wir ausg’sackelt, Außenministerium, Außenamt, Reiseführer warnen schließlich massiv vor nächtlichen Taxifahrten in Douala. Der Taxifahrer hieß uns aussteigen. Plötzlich wurden wir herzlich willkommen geheißen, im Dunklen waren nur strahlend weiße Zähne erkennbar. Das strahlende Lächeln der Leute ist eine meiner besten, schönsten, ergreifendsten Erinnerung an Kamerun. Mit ihrer Gastfreundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Wissbegierde und ihrem Mitteilungsbedürfnis vermitteln sie ein Gefühl willkommen zu sein wie ich es noch nie auf einer anderen Reise erlebt habe.
Um drei Ecken gebogen fanden wir uns im Garten des Foyer du Marin wieder – eine wunderbare Oase, Vorgeschmack auf die üppig grüne Vegetation der tropischen Region Kameruns, auf die Liebe der Kameruner zu leiblichen Genüssen in Form von Essen und Trinken (es kreuchen dort nicht nur Weiß -Füße herum, sondern der Garten ist auch sehr beliebt bei den Einheimischen)., ein idealer Startpunkt für die Reise und Anlaufhafen für alle Fälle, weil jegliche Informationen zu bekommen sind, super Service geboten wird (Geldwechseln, Taxidienst, Hotelempfehlungen, Gepäcksaufbewahrung, Briefmarkenkauf, Telefonnummernauskunft, Telefonate, Internetzugang usw usf.). Georgina heißt die Perle, die unbeeindruckt von unserer etwas chaotischen Fragenflut Ruhe bewahrte und uns mit Rat und Tat zur Seite stand.

Transport
Gleich am nächsten Tag lernten wir die öffentlichen Verkehrsmittel Kameruns besser kennen. Wir ließen uns mit einem Taxifahrer des Vertrauens vom Foyer du Marin zum „Rond Point“ schippern, Abfahrtspunkt der Minibusse nach Limbé. Flott ging es ab in Richtung Meer, die Straße ist asphaltiert und nach etwas mehr als einer Stunde erreichten wir das Ziel. An dem vom vulkanischen Gestein schwarzen Sandstrand entledigten wir uns vom Arbeitsstress der letzten Wochen und planten ein wenig die Reiseroute. Limbé liegt zudem quasi am Fuß des Mount Cameroun, einem über 4.000m hohen Vulkanberg. Der versteckte sich aber immer in Nebel und Wolken.
Dass die Straße nach Limbé asphaltiert ist bedarf deshalb einer besonderen Erwähnung, weil wir den Rest der Reise zumeist auf von Schlaglöchern und Gräben durchzogenen Pisten zurückgelegt haben.


Und so viel Sitzplatz wie in dem Minibus war in weiterer Folge auch eher die Ausnahme. Denn es reisen gut und gerne 8 Personen in normalen PKWs, 4 vorne, 4 auf der Rückbank. Ich muss nicht erwähnen, dass die höchstzulässige Nutzlast durch außen angebrachte Gepäcksstücke, Säcke, Hühner, Kanister, Bananenstauden, Motorräder etc. etc. noch mehr bis weit über die Grenzen ausgereizt wird.


Auf manchen Strecken verkehren auch größere Busse (25 bzw. 57 Sitzplätze), aber auch hier kommt es vor, dass man nicht mehr als eine Arschbacke Platz auf dem Sitz ergattert. Über deren pünktliche Abfahrtszeit haben wir nur geträumt, so verbrachten wir von 7h bis 11h auf dem Busbahnhof von Bafoussam, ehe es endlich los ging. Aber zumindest „Centrale Voyages“ scheint sich einigermaßen an die angegebenen Fahrpläne zu halten. Das war auch ganz dienlich, denn am Tag meiner Rückreise nach Paris trieben wir uns am Vormittag noch an den herrlichen Sandstränden und in den Flusslandschaften von Kribi (südlich von Douala) herum und sollten „trotz“ 3-stündiger Fahrt doch rechtzeitig gegen 18h in Douala eintreffen, was auch klappte. Dass wir da aber großes Glück gehabt haben unterstreicht der Reifenplatzer bei Erreichen der Endstation. Der Schreck von dem Riesenknall steckt mir heute noch in den Knochen.
Was mir noch viel mehr Schreck eingeflösst hat sind die Fahrmanöver der Leute. Ich habe mir mitunter die Augen zugehalten und nur noch Stoßgebete zum Himmel gesandt (wer mich kennt, weiß, dass das auf eine absolute Ausnahmesituation hinweist). Die unzähligen Autowracks vor allem entlang der gut ausgebauten Straßen habe ich irgendwann aufgehört zu zählen. Ob die Fahrsicherheitskampagne bestehend aus einem Schild einer schematisierten Person und einem zweiten Schild, das über die Anzahl der Todesopfer Auskunft gibt („5 morts“, „17 morts“) etwas bewirkt? Christophorus schau oba!

Landschaft
Die zweite beste Erinnerung an Kamerun ist die vielfältige, üppig grüne Landschaft, die einen wie ein Mantel einhüllt und ein unbeschreibliches Labsal für die Seele darstellt. Küstenlandschaft, Bergregionen, Hügellandschaft der Provinzen Southwest, West, Northwest, Littoral und South lernten wir kennen.
Das Land ist reich an Seen, Flüssen und Wasserfällen. Einer der Ausflüge führte uns etwa von Bangem zu den Manengouba Twin Crater Lakes, zwei benachbarten Kraterseen in 2.400 m Höhe, einer blau, der andere dank Grünalgenvokommens grün.
In der Trockenzeit (Februar fällt in diese) führen die Flüsse entsprechend weniger Wasser oder trocknen sogar aus. À propos Trockenzeit: wir erlebten ungeachtet dessen etliche heftige Gewitter und Regengüsse.

Der Regen verlängerte unseren Aufenthalt in Tombel um einen Tag, denn die Pisten sind umso rutschiger, wenn der Lehm nass ist. Das wiederum ermöglichte uns etwas mehr Einblick in das Leben der Leute zu bekommen, denn wir lernten dort Olive und Helen kennen.
Die Bergregionen sind oftmals vulkanischen Ursprungs. Der letzte Ausbruch des Mount Cameroun war Ende der 90er Jahre, die Straße wurde von Lava überströmt und deshalb an den entsprechenden Stellen nicht ohne recht abrupte Kurven einzubauen kurzerhand verlegt. Ein Stück ginge es wohl auch noch gerade aus, aber nach wenigen Metern endet die Fahrbahn in den Bäumen, die sich inzwischen angesiedelt haben.
Unsere Reise führte uns in den Nationalpark Korup in der Südwestprovinz, nahe der Grenze zu Nigeria.
Dieser Regenwald ist als Insel während der Eiszeit erhalten geblieben (nach Schätzungen von Wissenschaftlern existiert diese lebendige Museum seit 60 Millionen Jahren), wurde nie im großen Stil für Holzwirtschaft genutzt und selbst Brandrodung wurde nicht betrieben. So blieb ein sehr ursprünglicher Regenwaldtypus erhalten, der sich durch relativ lichtes Unterholz auszeichnet (wodurch die Baumriesen noch gewaltiger erscheinen), dafür eine umso größere Artenvielfalt inklusive etlicher endemischer Pflanzen und Tiere aufweist.
Zahlreiche Heilpflanzen kommen vor, darunter solche, die in der HIV und Krebsbehandlung Verwendung finden. Diese Einzigartigkeit macht den Wald zum Gegenstand zahlreicher Forschungsprojekte.
Während unserer Übernachtung im Nationalpark (Chimpanzee Camp) lernten wir einige Studierende der Universität in Buea kennen, die von ihrer zwei Jahre dauernden Forschungsarbeit berichteten. 20 Tage verbringen sie in dem dem Chimpanzee Camp benachbarten Forschungscamp, 10 Tage kehren sie in die Zivilisation zurück. Dazu muss man sagen, dass Zivilisation in dem Fall Mundemba ist, ein Ort am Rande des Nationalparks, umgeben von Palmhainen und Wäldern, rund 4 Stunden (bis zu 12 Stunden während der Regenzeit) Fahrzeit von einer größeren Stadt (Kumba) entfernt.
Dass es sich bei dem Nationalpark Korup auch um ein Kleinod in zoologischer Hinsicht handelt haben wir während unserer zweitägigen Wanderung durch den Nationalpark nur ausschnittsweise erfahren. Die Waldelefanten, Schimpansen, Büffel, Antilopen, Leoparden sind überaus scheu, verstecken sich gut und ziehen sich in weniger frequentierte Teile des Nationalparks zurück. Aber Vögel, Schmetterlinge und mehrere Gruppen von Affen sahen wir. Und gerade Vögel, Affen und Insekten machen die Musik im Regenwald, bilden eine wunderbare und sehr dichte Geräuschkulisse.
Naturschutz und gleichzeitig eine Lebensgrundlage für die im Nationalpark ansässigen Leute zu schaffen gehören zu den Hauptzielen des Nationalparks und stellen eine nicht einfach lösbare Aufgabe dar. Der Naturschutz, unter der Schirmherrschaft von WWF UK, GTZ, EU usw., füllt nicht die Teller der Bewohner. Ein Streitpunkt dreht sich um das Jagdverbot. Den Wilderern das Handwerk zu legen, die das Bushmeat teuer vor allem nach Nigeria verkaufen, ist eine große Herausforderung. Der Leiter des Nationalparkbüros in Mundemba, Chief Ekokola Adolf Nwese, erzählte uns von seiner Arbeit und den Zielsetzungen. Dank der recht guten Organisation vor Ort (wir hatten tags zuvor unser Auftauchen telefonisch angekündigt, Guide Julius, Koch Kelvin, Fahrer Eric für die Fahrt zum Eingang zum Nationalpark waren schon bereit) und der Übernachtungsmöglichkeit in Camps gestaltete sich der Besuch im Nationalpark für uns sehr unkompliziert. Was wir so von anderen Nationalparks gelesen haben ist das keine Selbstverständlichkeit.

WWF-Projekt Korup Nationalpark
Die trockenen Baumsavannengegenden des Nordens sowie der Osten des Landes blieben diesmal unerkundet.
Wirtschaft
Boden und Klima begünstigen die Landwirtschaft. Zu den Exportprodukten gehören Bananen, Papaya, Ananas, Kokosnüsse, Kaffee, Tee, Kakao, Kautschuk und Tabak. Die köstliche Geschmack der saftigen Ananas, mit Zitronensaft beträufelt besonders erfrischenden Papayas, nussigen Avocados, frisch geernteten Bananen liegt mir heute noch auf dem Gaumen.
Wir besuchten die Kaffeekooperative CAPLAMI in Bafoussam. Es war nicht der ideale Zeitpunkt dafür, die Kaffeesträucher blühten gerade. Die Ernte findet November / Dezember statt. So sahen wir die Hallen, in denen es im Winter emsig zugeht, weniger belebt. Frauen waren mit dem Entfernen der weißlichen Hülle und Verlesen der Kaffeebohnen beschäftigt. Seit ich weiß, dass allein dieser Arbeitsschritt für ein Kilo Rohkaffee etwa einen Tag dauert trinke ich Kaffe mit sehr viel mehr Ehrfurcht. Ich habe mich nicht getraut nach dem Lohn für die Frauen zu fragen, aber mehr als ein paar CFA werden es nicht sein (1 EUR = 655 CFA; das Jahresdurchschnittseinkommen liegt in Kamerun bei rund 750 EUR). Die Kaffeebauern, die mit der Kooperative zusammenarbeiten, erhalten für 1 Kilo Kaffee rund 20 Eurocent (sie liefern ihn getrocknet mitsamt äußerer, nach dem Trocknen nicht mehr roten sondern braunen Schale ab). Dass gerade ein paar magere Jahre für den Kaffeehandel herrschen erörterte uns einer der leitenden Angestellten der Kooperative. Von den 5 Hauptabnehmern in Frankreich, Schweiz und Niederlanden war nur ein einziger geblieben. Unser Auftauchen hat in ihm ja schon die Hoffnung auf neue Kontakte aufkommen lassen.
In höheren Lagen wird vor allem die Arabicabohne kultiviert, in tieferen Lagen Robusta. Kaffee ist in Kamerun zumeist im Mischungsverhältnis 70% Arabica, 30% Robusta erhältlich.

Dass in dem Gebäude von CAPLAMI auch DED und GTZ (Deutscher Entwicklungsdienst und Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) eingemietet sind haben wir gleich für einen kleinen Infoaustausch mit zwei Mitarbeiterinnen des GTZ genutzt. Und ein Kondom habe ich als Souvenir von den GTZ gesponserten Spendern mitgenommen.
Palmölproduktion gehört auch zu einem wesentlichen Standbein der Wirtschaft. Das rot-orange Öl wird auch überall auf den Märkten verkauft. Eine Führung durch die Palmölfabrik in Mundemba haben wir leider um Haaresbreite verpasst – wir lernten erst im Buschtaxi zurück nach Kumba jemand kennen, der uns den Kontakt hergestellt hätte.

Tropenholzgewinnung haben wir uns in Kumba ein wenig näher angesehen.

Die Motorsägen haben wir zwar nur von der Ferne gehört. Aber wir waren mit einem ehemaligen Mitarbeiter eines Sägewerks unterwegs, der bereit war uns seine frühere Arbeitsstätte zu zeigen. Wir sprachen beim Empfang vor, wo uns der Zutritt verweigert wurde. So spazierten wir rund um das Gelände herum, wo eine Reihe von Nebengewerbszweigen angesiedelt ist: Holzkohlenerzeugung, Sägespäne wird gesammelt und bspw. für die Befeuerung der Herde verwendet.

Von einem der Sägespäneberge übersahen wir dann auch das Werksgelände.

Das blieb nicht unbeobachtet und so fanden wir uns mit Sicherheitsdienst, Polizei und dem Leiter des Sägewerks konfrontiert. Vor rund einem Jahr war es wegen empfindlicher Preiserhöhungen besonders in Kumba zu regierungsfeindlichen Streiks gekommen, es gab etliche Tote. Brände wurden in der Stadt gelegt, Verwüstungen wurden nicht zuletzt in dem Sägewerk von TRC angerichtet. So läuteten gleich die Alarmglocken, zwei Touristinnen interessieren sich für ein Sägewerk? Befinden sich in Begleitung eines ehemaligen Mitarbeiters? So lernten wir auch noch ein hohes Tier von der Polizei kennen, das wegen „des Wiederaufflammens der Aufstände“ benachrichtigt worden war. Letztendlich konnten wir die Sache aufklären, ein langes Telefonat mit einer deutschsprachigen Mitarbeiterin in Douala half noch mal die Aufregung zu besänftigen. Wir bekamen noch eine kurze Führung über das Gelände von Ivan, dem aus Kroatien stammenden Leiter des Sägewerks, und erhielten eine Einladung das viel größere Sägewerk in Douala zu besichtigen.
Es gibt auch Bodenschätze, wie etwa Bauxitvorkommen. Ein Aluminiumwerk gibt es in Edea, der erforderliche Energiebedarf wird durch ein riesiges Wasserkraftwerk gedeckt.
Eine Erdölpipeline führt von Tschad durch das gesamte Land bis Kribi, wo sie etwa 3 km entfernt von der Küste auf einer schiffartigen Verladeplattform endet. Die daraus erwachsenden ökologischen und sozialen Probleme (beim Bau wurde auf die ansässige Bevölkerung wenig Rücksicht genommen) schüren Kritik an dem Projekt, andererseits wollte der Staat auf diese reich bezahlte Einnahmequelle nicht verzichten.
Zudem gibt es auch im Meer bei Kribi eine Erdölförderplattform.
Die Spuren sind am Strand in Form von dunklen Schlieren auch optisch erkennbar. Die kilometerlangen Traum-Sandstrände bei Kribi sind das am weitesten entwickelte Tourismusgebiet Kameruns. Ob Petroindustrie und Tourismus auf längere Sicht kompatibel sind wird sich weisen.
Während unserer Reise haben wir Einblick in das Kleinunternehmertum bekommen und selbständig tätige Frauen persönlich kennengelernt: Helen, Olive, Suzanne und Pamela. Helen ist Gründerin der NGO „OREP“, Schwerpunkt Kultivierung lokaler Heilpflanzen und Wissensvermittlung darüber. Olive betreibt einen Laden (Bett-, Tischwäsche, Pflegeprodukte etc.), Suzanne betreibt ein Restaurant, Pamela ein Bierlokal. Sie sind für uns Beispiele für die enorme Willenskraft und Fähigkeit sich in schwierigsten Umständen nicht unterkriegen zu lassen, sie stehen eben ihre Frau. Die Frauen sind die Pfeiler der Wirtschaft Kameruns. Die Männer sieht man allzu oft in den Bierkneipen ihre Situation bewältigen. Aber es wäre ungerecht alle der Untätigkeit zu bezichtigen. Wir begegneten beispielsweise Timothy, dem Mopedtaxifahrer, dessen Eltern eine weiterführende Ausbildung nicht finanzieren konnten, und der sich ein Chan Lin Motorrad erarbeitet und schließlich selbständig gemacht hat, oder Major, Chauffeur und Tourorganisator.

Leute und deren Kultur
Die Bevölkerung Kameruns setzt sich aus über 260 Stämmen zusammen. Daraus ergibt sich eine recht vielfältige Mischung von Pygmäen im Süden, Bamileki, Bamoun, Bantu, Fulani (Fulbe) usw usf. Amtssprachen sind englisch und französisch – englisch besonders in den Provinzen Southwest und Northwest, Französisch in den übrigen Landesteilen. Dass mitunter auch Deutsch unterrichtet wird liegt an der kolonialen Vergangenheit, die von 1884 bis nach dem 1. Weltkrieg in den Händen Deutschlands lag, die Gebiete an der Grenze zu Nigeria wurden danach von Großbritannien, die üblichen Provinzen von Frankreich verwaltet.
Die alltägliche Unterhaltung der Leute aus den verschiedenen Regionen erfolgt in Pidgin-English und Camfranglais (Mischung aus Französisch, Englisch und Pidgin), bis auf ein paar Wortbrocken für uns nicht verständlich. Um das Sprachgewirr noch bunter zu machen gibt es natürlich noch die eigentlichen Muttersprachen.
Die Bevölkerung ist vor allem christlich, in allen Schattierungen und Ausprägungen: Katholiken, Baptisten, Protestanten, Zeugen Jehovas etc.

Je weiter Richtung Norden desto muslimisch. In Foumban sind Moscheen in der Überzahl, etwa eine Autostunde weiter westlich überwiegen die Kirchen, deren Baustil sehr häufig an Europa erinnert.

Und die afrikanischen Religionen werden weiterhin gelebt, oftmals in Kombination mit den anderen. Es gibt da so gut wie keine Berührungsängste.

Kein Wunder also, dass Kamerun reich an Einflüssen verschiedener Kulturen ist.
Neben der mehr oder weniger demokratischen Strukturen in Kamerun, mit Präsident Peter Biya seit rund 27 Jahren an der Spitze, Nationalversammlung, regionalen Vertretern hat sich vielfach das System der Chefferien erhalten. In den Hauptorten gibt es den Chef, Nfon genannt. In den überwiegend muslimischen Regionen spricht man eher vom Sultan. Der Chefferie ersten Ranges sind zumeist noch weitere in den zum Hauptort gehörenden Dörfern untergeordnet. Regelmäßig finden Zusammenkünfte der Notablen mit dem Nfon statt. Hauptaufgaben des Nfon kreisen rund um lokale Themen, wie Grundstücksfragen oder Ehestreitigkeiten. Strafrechtliche Anliegen fallen in die Zuständigkeit des Staates. Eine enge Zusammenarbeit von Nfon und den staatlichen Vertretern, wie Bürgermeister oder Präfekt, gehören zur Tagesordnung. Der Chef genießt vielfach mehr Vertrauen in der Bevölkerung und verfügt dadurch über mehr Macht und Einfluss. Die heute regierenden Chefs sind oftmals im Ausland ausgebildet worden, haben Tätigkeiten in der Privatwirtschaft ausgeübt oder öffentliche Ämter wie Botschafter oder Minister in Kamerun bekleidet, ehe sie Chef wurden. Jedes auf dem Hof geborene männliche Kind kann in einer geheimen Wahl als Nachfolger bestimmt werden. Es muss keineswegs ein leibliches Kind des Nfon sein. Die Wahl erfolgt lange vor dem Ableben des Vorgängers, bleibt aber geheim bis das Amt angetreten werden muss.
Zu den Chefferien gehört ein zumeist prächtiges Anwesen. Zentrum ist der Versammlungsort bzw. der Palast, darum herum befinden sich die übrigen Gebäude, die Häuser, in denen die Frauen leben. Von denen hat der Chef zumeist mehrere bis viele, Tendenz fallend, schließlich muss auch für die Finanzierung gesorgt werden. So mancher Nfon hatte über 600 Frauen, heute „bescheiden“ sie sich auch schon mit 8. Zum System der Chefferien gehören auch Geheimbünde.

Eine besonders schöne Chefferie der Bamiléké besuchten wir in Bandjoun. Versammlungsort ist ein 23m hoher Bau aus Bambus, außen mit geschnitzten Holzpfeilern verziert. An den vier Seiten gibt es Eingänge – typische Schwellenhöhe ca. 50 cm, Schwellenbreite ca. 40 cm, d.h. man muss sich schon recht sportlich hineinbewegen. Dort erreicht man einen Rundgang mit mehreren Schwellen, der schließlich zum Eingang in den eigentlichen Versammlungsraum führt. Der weist einzig eine Holzsäule in der Mitte auf. Der Boden besteht aus gestampftem Lehm. Es werden wohl zumindest Matten aufgebreitet, wenn Versammlungen anstehen.

In dem angeschlossenen Museum erfuhren wir mehr über die Chefferie von Bandjoun, die Machtinsignien, dem Thron bestehend aus dem Thron, einer Kalebasse, zwei Stoßzähnen und einem Panther- oder Leopardenfell, von dem mit Federn besetzten Inthronisierungskleid des Nfon, das nur ein Mal getragen wird, über Masken und Gewänder, die während der Feste getragen werden. Die verwendete Symbolik (Frosch für Fruchtbarkeit, Spinne für Weisheit und Arbeitseifer, Leopard für Macht…)
Ein anderes Kleinod, seit 1984 UNESCO Weltkulturerbe, ist der Sultanspalast in Foumban, der nach dem Vorbild des deutschen Regierungspalastes in Buea errichtet worden war.

Auftraggeber war der besonders schillernde Sultan Ibrahim Njoya. Er war ein sehr umfassend bewanderter Mann, der sich um Medizin und Heilpflanzen, Verwaltungs- und Landwirtschaftsreform, Einführung der Maismahlmaschine verdient gemacht hat. Nicht genug damit. Er gründete seine eigene Religion, eine „best of“ aus christlichem und muslimischem Glauben (Genuß von Alkohol aus ersterer, mehrere Frauen aus zweiterer), sowie eine eigene Schrift und Sprache (Schümom). Diese Sprache wird noch heute wieder hier und dort unterrichtet. Wir hatten Glück und sahen den Sultan dann sogar bei seiner Vormittagsaudienz. Fotografieren nur mit Sondererlaubnis möglich, über eine solche verfügten wir natürlich nicht.
In dem angeschlossenen Museum erhielten wir übrigens eine ausgezeichnete Führung, bei der wir mehr über die Dynastie der seit 1394 amtierenden Bamoun erfuhren. Seit 1992 ist der 19. Vertreter, al-Haji Ibrahim Mbombo Njoya, an der Spitze.
Fußball
Vor allem Samstag und Sonntag sah man die Fußballer Kameruns aktiv. Freizeitvergnügen, ernste Matches, alles war möglich.
Großes Vorbild sind die Indomptables Lions, die Kameruner Nationalmannschaft, die sich gerade unter der Schirmherrschaft ihres Sponsors orange auf die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika vorbereitet.

Samuel Eto’o scheint besonders beliebt zu sein, jedenfalls werden überall T-Shirts verkauft. Ansonsten „begnügt“ man sich auch mit den Dressen der „Bleus“.
Essen und Trinken
Die Vorratskammern scheinen immer reichlich gefüllt zu sein. Eine Freude, über die Märkte zu streifen und das Warenangebot zu sehen. Kein Vergleich zu den traurig anmutenden in Mali. Lebhaft sind mir die 3 halb zermatschten Tomaten einer Verkäuferin in Erinnerung. In Kamerun bietet sich ein anderes Bild. Neben Yams, Cocoyams, Cassava, Couscous und Kochbananen gehören Piment für Saucen und Dips, Erdnüsse, Ingwer und viele spinatähnliche Blätter zu den Hauptzutaten. Aus letzteren wird Ndole hergestellt, eine Sauce, die mit Fisch oder Fleisch serviert wird.

Avocados, Tomaten werden angeboten, wenngleich in Douala und Kribi gerade ein Engpass an reifen Avocados zu herrschen schien. Von den Früchten, vor allem Ananas, Papaya, Passionsfrüchten und Bananen habe ich schon berichtet.

Fisch wird häufig angeboten, frisch oder geräuchert. Fleischer verkaufen in erster Linie Rind. Und Hühner werden lebendig verkauft und in Bastkörben nach Hause transportiert.
Das Angebot an Gewürzen ist reichlich: weißer Pfeffer, andere Pfeffersorten, Buschzwiebel usw. usf.

Rund um die Busbahnhöfe und bei den Zwischenstopps kann man sich von der „fast food“ Küche überzeugen: in Bananenblätter gewickelte und gekochte Yams- oder Cassavastangerl, erinnern in Konsistenz und Geschmack an Waldviertlerknödel.
Couscous wird ebenfalls in Bananeblätter gehüllt angeboten, in dem Fall aber taschenförmig.
Nationalgetränk Nummer 1 ist Bier. Lizenzbrauereien in rauen Mengen decken den Bedarf des afrikanischen Bierkonsumenten ersten Ranges: Mützig, 33, Satzenbräu, Castel. Palmwein und Hirsebier sind uns nicht unter gekommen.
Aber auch Rotwein wird getrunken, Tetrapacks aus Spanien, Italien und Frankreich oder für die dickeren Börsen Flaschenweine sind erhältlich. Aber da der Alkoholkonsum bisweilen das gesunde Maß längst überschritten hat wird gut und gerne zu härteren Getränken, zumeist Whiskey, gegriffen. Den gibt es in Flaschen oder in den „praktischen“ 1-Portions Plastikbeutelchen zu kaufen. Aber auch Gin scheint sehr beliebt zu sein. Auf Monikas Geburtstag haben wir mit nigerianischem Gin angestoßen.
Die Brauereien stellen aber auch Kracherl her: „Top“ Geschmacksrichtung Pamplemousse war mein Favorit, das gleich wie das Bier in 0,65l Flaschen erhältlich war. Nach einer solchen kam kein Gusto mehr nach etwas Süßem auf…
Ansonsten förderten wir die Wasserindustrie, Semme und Tangui seien hier zu erwähnen.
Obwohl Nkongsamba und Bafoussam die Zentren des Kaffeeanbaus und –handels sind, Kamerun zu den weltweit wesentlichen Kaffeeproduzenten zählt, ist dennoch vielfach nur mit Bitten und Flehen anstelle von Nescafé echter Kaffee erhältlich. Der Siegeszug von Nestlé ist verblüffend. Fadenscheinige Begründungen wie – die Leute haben keine Kaffeemühlen wurden aufgetischt.
Was bleibt noch zu erwähnen?
Ich bin so reich an Eindrücken zurückgekehrt und vermisse Kamerun dermaßen, dass ich sogar mit dem Gedanken spiele nicht erst in einem Jahr wieder hinzureisen, sondern ev. schon ein paar Tage im Spätherbst dort zu verbringen.
