22 novembre 2007 4 22 /11 /novembre /2007 18:18
also ganz ehrlich, man hat ja linke Wurzeln, man findet die Streikkultur in Frankreich ja an sich sympathisch... (erinnert sich noch jemand an den eintägigen "General"streik in Österreich irgendwann 2002 oder 2003... ein Witzchen), man unterstützt vielleicht nicht unbedingt die aktuellen Anliegen (Sonderpensionsregelungen klingen für unsere Generation, die wohl KEINE Pension mehr sehen wird, etwas dubios), aber man bewundert die Streik- und Demonstrationsfreude in Frankreich, die unsereiner von "klein auf" ja ein wenig fremd ist...

ABER

nach nunmehr 9 Tagen Streik der Öffis ist selbst die privilegierte in Paris Wohnende etwas genervt.
Ja am ersten Tag war's noch lustig sich mit dem Rad durch die Stadt zu wagen - wow Place de la Concorde -siebenspurig ohne Spuren - das ist ein Kriterium (und seinerzeit hat man auch noch das Radl im Zweifelsfall über den Zebrastreifen geschoben), ja man kann die täglich ca 1,5 Stunden Radfahrt auch als Fitnessprogramm sehen, jaja andere habens noch viel schlimmer erwischt... Und außerdem schafft man nach ein wenig Radfahrtraining in der Großstadt mittlerweile fast problemlos den Spurwechsel im Kreisverkehr über 4 Spuren hinweg... und das ohne Handzeichen ...


Das tägliche Concorde-Erlebnis (von Überschall-Erlebnissen begleitet)

Da gibt es KollegInnen, die auch jeden Tag brav so pünktlich wie möglich in der Arbeit sind, dafür aber 1 Stunde früher als sonst aufstehen und zwei Stunden später als sonst heimkommen, dazwischen auf kalten Bahnsteigen einem nahenden Zug harren, um diesen dann aufgrund von wirklicher Überfüllung nicht besteigen zu können und dann eine weitere Stunde auf den nächsten zu warten,  bis sie dann irgendwann 30-45 Minuten wie Sardinen gedrängt in die Stadt fahren können um dann dort nochmal einen Fußmarsch  von 45 Minuten auf sich zu nehmen, weil die U-Bahn aussichtslos ist. Ja die habens wirklich schwer, da ist so eine Radfahrt ein Scherzchen, auch wenns regnet oder eiskalt ist und auch wenn die Autos und Mopeds und Motorradfahrer eine immanente Bedrohung darstellen und einer schlecht ist, wenn sie heimkommt, weil soviel Blei in der Lunge einfach nicht zum Atmungsalltag gehört...

 ABER ES NERVT SCHÖN LANGSAM...



Ich kann euch nun nicht mal Hintergründe bieten über Verhandlungsergebnisse, Streikbeendigung etc... denn eine kleine Nebenwirkung des Streiks ist meine persönliche Desinformation. Zeitung am Morgen, Zeitung am Abend spielts nimmer, beim Radllenken hat man alle Hände voll zu tun (eine Hand zum bremsen, die andere zum Nase zuhalten) - ich hab also KEINE Ahnung wie lang das wirklich noch gehen wird, aber die sind hartnäckig die Franzosen...
Ja man kann ja aktuell nachlesen, dass auf Linie 3 alle 20 Minuten eine U-Bahn fährt, auf Linie 9 sogar alle 10 Minuten und auf Linie 13 auch alle 15 Minuten. Wenn man aber weiss, dass auf Linie 13 zu normalen Zeiten alle 1-2 Minuten eine U-Bahn kommt und da kommt man vor Menschenmassen nicht rein, dem vergeht das U-Bahnfahren bei der bloßen Vorstellung.

Was ich mitgekriegt hab - die Großdemo am Mittwoch. Kein Wunder, wer immer demonstriert liebt die Esplanade des Invalides und das ist genau zwischen Konsulat und Botschaft. So konnte ich am Mittwoch zwischen 16 und 18:30 die ca 500.000 (oder 700.000 laut Organisatoren) Demonstranten direkt beim Defilé vor dem Konsulat beobachten "Internationale" inbegriffen und Rauch und Lärm und Gestank bis rauf in den 4. Stock. Die Botschaft hat gleich mal vorsorglich um 16:30 die Pforten geschlossen, denn brennende Autos direkt vor der Botschaft kennt man schon aus 2005...

Rauchschwaden vor dem Konsulat


Das Bizarre daran, während die draußen streiken und ich nicht mal mit dem Rad heimfahren konnte, weil alles abgesperrt war durch die frz. "Cobra" CRS (und mit denen ist nicht zu scherzen), hab ich die Zeit genutzt und Akten aufgearbeitet wie ein Wiesel (also wie ein österreichischer Nahverkehrszug...)...

Am Tag darauf haben vor der Botschaft die Trafikanten und Tschick-Tandler demonstriert (da gabs aber weniger Rauchentwicklung), weil ab 1. Jänner 2008 ja auch in Frankreich das Rauchverbot in Lokalen eingeführt wird und da hier fast alle Trafiken sogenannte "Bar Tabac" sind, also gleichzeitig Beisln (wer sich Tschick kauft trinkt ein Bier oder ein Kaffeetscherl) fürchten die um ihre Existenzgrundlage...

Die Geschäftsleut regen sich auch schon auf, so ein Streik hat nämlich durchaus weitreichende Auswirkungen auf das Geschäftsleben, kein Mensch will nach der "Galère" der Heimfahrt (oder des Heimgangs) noch Shoppen und auch die Beisln sind verdächtig leer, weil "se deplacer" ist eben kein Spaß mehr...
Wir merken auch an uns selbst eine Verhäuslichung. Kaum das Radl in die Wohnung gezerrt haben wir einfach keine Lust mehr auszugehen (außerdem müssen wir uns vor Schwitz erst trocken legen...)

Also bleibt abends nicht viel anderes als abwarten und österreichischen Wein trinken - und solange das Fernsehen nicht streikt (im Ernst: es  gab Live-Sendungen die abgesagt wurden, weil a) nicht genug Personal zur Arbeit kommen konnte, b) die Live-Gäste selbst nicht ankamen) können wir uns ja vor dem frühzeitigen Wegpennen noch vom Radfahren erholen.



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Published by Michi - dans parisplages
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commentaires

H 24/11/2007 22:30

arme M :-(ich bin bei dir - pünktlich wie die österreichische regionallinieH

Michi 23/11/2007 20:09

Aber jetzt reicht's wirklich! Da rast man wider jede Vernunft wie von Brennesseln gestochen (?) heim, um noch einkaufen gehen zu können und dann steht am Supermarkt: "aufgrund des Streiks ab 20 Uhr geschlossen" OKAY - aber es ist erst 19:45 Uhr !!! doch es wird kein Einlass gewährt...Zum Glück gibts die kleinen "Araber" (voir "Miranda") um das Nötigste zu besorgen. Seufz - eigentlich ist er angeblich vorbei der Streik...