5 mars 2007 1 05 /03 /mars /2007 21:18

Liebe LeserInnen und FreundInnen!

Falls ihr irgendwie den Eindruck gewonnen habt, dass wir ein einsames, arbeitsreiches aber unsoziales Leben in Paris führen möchten wir euch mit einer kurzen Geschichte über Adidas, Krücke und den Dritten Mann ein wenig vom Gegenteil überzeugen.

Aufmerksame LeserInnen wissen ja, dass sich direkt gegenüber von unserem Haus "Miranda" - der Alimentaire, der bis spätnachts geöffnet hat und alles was Herz und Leber begehren verkauft - befindet.
Nun: Miranda zieht natürlich ob seiner Offenheit auch allerlei Menschen an, was Juttas Schlaf bisweilen stört (meinen ob chronischer Ohrenverstopfung in horizontaler Lage eher nicht) aber auch zu interessanten Soziostrukturen führt.

Wie es die Stadtarchitektur so will, befindet sich just neben den knallorangen Markisen des Miranda-Shops ein kleines Steinmäuerchen, auf dem sich bequem sitzen lässt - und das scheint auch der Grund dafür zu sein, dass Adidas dieses zu ihrem nächtlichen Lieblingsplatz erkoren hat.

Adidas ist eine Frau (wir hielten sie ob der wuchernden Gesichtsbehaarung zuerst für einen Mann), die offenbar irgendwo ums Eck (noch) wohnt und ihre Sozialhilfe in Miranda investiert. Weniger polemisch ausgedrückt ist sie wohl eine sehr einsame Frau, die ihre Nächte ungern allein verbringt und da in der Oberkampf immer was los ist trinkt sie ihre Bierdosen eben nicht daheim im Wohnloch sondern eben lieber auf der Straße, am Steinmäuerchen neben Miranda, die sie - wie auch so manche Passanten - immer mit Trink- und manchmal auch Essbarem versorgt. Egal ob kalt und regnerisch, windig oder frostig, manchmal auch wenn montags Miranda geschlossen hat sitzt Adidas also da und wir werfen vor dem Schlafengehen noch einen Blick hinunter um uns zu vergewissern ob sie auch wirklich da ist, denn solange sie noch da ist, ist wahrscheinlich auch ihre Welt noch mehr in Ordnung als sie in Zukunft vielleicht sein wird.

Adidas heisst Adidas weil sie, seit wir einander kennen immer eine blaue Adidas-Hose trägt.


Adidas neben Miranda

Adidas ist aber nicht allein, denn nicht nur ist der junge Pariser Stadtmensch oft sehr spendierfreudig - ganze Pizzahälften werden da vom businessbeanzugten Jungspund am Heimweg ausgegeben - sie hat auch täglich Gesellschaft von Krücke. Außer wenn es wirklich regnet, denn dann ist es Krücke zu nass. Krücke steht gerne an ein Auto gelehnt da, pinkelt zwischendurch auf die Straße und stellt seine Rotweinflasche (Marke Miranda-Import) auf die Autodächer - nur wenn es ein großes modernes Range-Rover-Auto wagt sich an seinen Platz zu parken ist Krücke ein wenig beleidigt und geht ein Stück weiter straßabwärts, was Adidas wahrscheinlich weniger kommunikativ findet. Krücke ist ein großer Kommunikator und kaum eine Minute vergeht ,schon steht wieder ein Jugendlicher neben ihm und diskutiert am Weg von Szene-Beisl zu Szene-Disko und gönnt sich eine Dose Bier von Miranda um diese mit Krücke plaudernd zu trinken. Krücke heisst Krücke weil er eine Krücke hat  und diese legt er, da er sich ja an niedrigen Autos so gut anlehnen kann, zumeist auf das Autodach neben seine Rotweinflasche.


Krücke mit Passanten

Krücke und Adidas sind also täglich da und gehören wirklich schon fix zur Nachbarschaft und soziologisch betrachtet ist es wirklich mehr als interessant den beiden und den PassantInnen zuzusehen (leider kann man sie bis oben nicht hören).

Manchmal kommt auch noch der Dritte Mann - der Dritte Mann ist kein besonders charismatischer Mensch, bisher kennt man ihn nur so vom auf die Straße pinkeln und davon dass er halt auch manchmal da ist um mit Krücke oder Adidas oder beiden zu plaudern. Letztens war der Dritte Mann aber sehr nett, er hat für Adidas (die sich offenbar manchmal nicht mehr so wirklich gut ausdrücken kann) PassantInnen angeschnorrt und die haben bereitwillig Geld ausgegeben und oh staune, der Dritte Mann hat es wirklich der Adidas weiter gegeben.

Adidas, Krücke und der Dritte Mann sind eigentlich eine Bereicherung für die Nachbarschaft - eine Konstante... und wir hoffen, dass sie noch recht lange so bleiben wie sie sind, denn aus ihrer Tristesse ganz auszusteigen ist für die drei wohl nicht mehr möglich. Zum Glück gibt es die vielen jungen Menschen in unserer Gasse, die alle gerne mit ihnen diskutieren und vielleicht auch damit die Welt ein wenig verbessern.


Ach ja, und der  - frankophonen CineastInnen - als berühmter Schauspieler bekannte Matthieu AMALRIC scheint auch bei uns in der Gegend zu wohnen, letztens hat er sich sogar neben Jutta um ein baguette angestellt bei UNSEREM boulanger!

Gute Nacht!

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Published by Michi - dans parisplages
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